Lexikon des Stierkampfs

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Duende

von Dr. Andreas Krumbein

Mit dem Begriff duende bezeichnet man einen psychischen Zustand des Menschen, der einer- seits und vornehmlich durch starke Emotions- (also unbewusst und unkontrollierbar ablau- fende) und Gefühlskomponenten (also bewusst und kontrollierbar ablaufende) gekennzeichnet ist, die seine momentane, seelische Verfassung festlegen. Diese beiden Komponenten sind während des duende immer gleichzeitig vorhanden. Andererseits und zusätzlich können kör- perliche Komponenten auftreten, die im wesentlichen durch die Emotions- und Gefühlskom- ponenten ausgelöst oder beeinflusst werden. Die körperlichen Komponenten treten nicht im- mer auf.

Dieser psychische Zustand ist einerseits dadurch gekennzeichnet, dass der Mensch, der den duende erfährt, in diesem Moment eine Ahnung oder ein deutliches Gefühl für diejenigen â?? im Extremfall, für all diejenigen â?? Dinge, Begebenheiten oder Regungen hat, vor denen er sich üblicherweise seelisch zu schützen versucht, die er verdrängt oder deren Bewusstma- chung er nicht zulässt. Dazu gehören u.a. Trauer, Hass, Einsamkeit, Eifersucht, Schmerzen, Leiden, (Todes)gefahr, Tod, Sterben, Verlust, Zurückweisung, Schmähung, BloÃ?stellung, Gier, Neid. Im Moment des duende gibt der Mensch seine innere Abwehr gegenüber diesen Dingen auf und lässt die seelischen Wirkungen ihrer Bewusstwerdung willentlich zu, er gibt sich diesen Wirkungen nun, ohne sich innerlich zu sträuben, hin. Gleichzeitig hat der Einzelne während des duende ein klares Bewusstsein dafür, dass es zu jedem der seelisch belastenden Eindrücke ein kompensierendes, gleichsam neutralisierendes Gegenstück gibt. Dazu gehören u.a. Freude, Glückseligkeit, Liebe, Erhabenheit, innere Ruhe und Gelassenheit; Vertrauen in sich, die Welt und das Leben; Geborgenheit, Sicherheit, Angenommensein, Lob. Die Präsens von erschreckenden, die Seele quälenden und von erleichternden, beruhigenden innerlichen Regungen ist immer gleichzeitig und ist eine definitorische Eigenschaft des duende.

Duende basiert also auf zwei unterschiedlichen Dualitäten: auf dem gleichzeitigen Vorhan- densein unbewusst und unkontrollierbar ablaufender und bewusst und kontrollierbar ablau- fender Regungen und auf dem ebenso gleichzeitigen Vorhandensein bestimmter als positiv und negativ empfundener Regungen, wobei die erste und die zweite Dualität i.a. nicht dek- kungsgleich sind.

Im duende drückt sich die Akzeptanz, das Bewusstsein und die damit einhergehenden Regun- gen für die die Seele und das Leben bedrohenden und belastenden und die sie schützenden und abwehrenden Aspekte der menschlichen Existenz aus. Der seelische Widerstreit beider Seiten, der metaphorisch und symbolisch auch als â??dunkle und helle Tageâ??, als â??Licht und Schattenâ??, als â??zwei Seiten der Medailleâ?? oder als â??himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübtâ?? ausgedrückt wird, das Gegeneinanderarbeiten in unterschiedliche Richtungen wirkender Re- gungen wird aufgelöst durch die Annahme und das Aushalten ihres gleichzeitigen Vorhan- denseins.

Duende kann man nicht aktiv herbeiführen, er kommt in bestimmten, nicht häufig auftreten- den Situationen. Er, besser: es ergreift einen, und man muss sich ergreifen lassen, sich seinen anfänglich abwehrenden Regungen hingeben, ihr Aufkeimen zulassen. Duende und sein Er- scheinen kann man sich nicht erarbeiten. Er steckt in allen Menschen, aber er kann nicht im- mer und nicht bei jedem Menschen in der gleichen Art und Weise hervorgerufen werden, je- der Einzelne kann das nur selbst auf seine Weise tun. Duende zu erfahren, bedeutet eine An- strengung, die durchlebt, ertragen und errungen werden muss.

1.) Im abendländischen Kulturraum ist das Zulassen der Emotionen, Gefühle und Gedanken auf- grund seelisch bedrohlicher und belastender Regungen oder solcher, mit denen der Einzelne in Konflikt mit gesellschaftlich-religiösen Normen gerät, verpönt, teilweise verboten und es wird darauf häufig mit Ausgrenzung oder auch Strafe reagiert. Das sich Hingeben â?? in negati- ver Konnotation, das â??Sich-Gehenlassenâ??, das diese gesellschaftlich-religiösen Normen auf- greift â?? wird deshalb einem â??Metawesenâ??, einem Kobold, el duende, zugeschrieben, der in jedem Menschen schlummert, üblicherweise vom Menschen kontrolliert und nur in bestimm- ten Situationen geweckt wird und dann den Menschen zur Hingabe zu seinen sonst abge- wehrten Regungen hinführt, gleichsam als sei der Mensch nicht mehr vollständig Herr seiner selbst, sondern durch el duende geleitet. Auf diese Weise kann ein â??Sich-Gehenlassenâ?? dem Kobold zugeschrieben werden, den vollständig zu kontrollieren man in einem bestimmten Moment nicht die ausreichende Stärke hatte, der von einem Besitz ergriffen und zur Ã?bertre- tung der Normen geführt hat.

In besonderer Weise wird das Auftreten von duende Rezipienten von Kunstwerken zuge- schrieben, wobei es sich um eine beliebige Kunstform handeln kann oder um eine Tätigkeit, die ein Mensch ausführt oder ausgeführt hat, um dabei seine Gefühle, Wünsche, Vorstellun- gen, seine seelischen Empfindungen o.ä. in seinem Werk zum Ausdruck zu bringen.
Eine besondere Stellung nehmen hierbei die darstellenden Künste, wie Musik, Gesang, Tanz, Theater, gesprochene Poesie ein. Einerseits kann auch hier duende beim Rezipienten während einer Vorführung auftreten. Andererseits kann duende auch beim Künstler auftreten, während er seine Kunst vorführt. Wenn dies geschieht, scheint der Künstler über sich selbst hinauszu- wachsen, er ist in der Lage, Dinge zu tun, die er sonst nicht tut und nicht zu tun in der Lage ist. Sein Ausdruck ist der einer tiefen Versunkenheit, fast einer Art Trance, einer tiefen Bezo- genheit auf sich selbst, die momentane Situation, die eigenen Gefühle und die eigenen Emoti- onen, ein dichtes Wechselspiel zwischen seinen Handlungen und seiner momentanen psychi- schen Verfassung, die ihn wiederum zur Ausführung neuer Handlungen spontan animiert, die er unmittelbar ausführt. Der Zustand des Künstlers trägt Kennzeichen der Ekstase. Darüberhi- naus kann es in solchen Situationen zu einer Wechselwirkung zwischen duende beim Künstler und beim Rezipienten kommen, was häufig dann der Fall ist, wenn der Rezipient das Auftre- ten von duende beim Künstler bemerkt. In solchen Situationen kann es dazu kommen, dass Teile der Zuschauerschaft in einen ekstatisch-enthusiastischen Zustand geraten, der mit kör- perlichen Komponenten von GefühlsäuÃ?erungen einhergeht, z.B. Weinen, Lachen, Umarmen und Küssen anderer Zuschauer.
Auch Teile des Spanischen Stierkampfes, besser: el toreo, also alles das, was während einer corrida de toros mit dem Stier gemacht wird, um ihn auf seinen Tod so vorzubereiten, dass er von einem Menschen mit einem Degen erstochen werden kann, können, obwohl im eigentli- chen Sinne keine Kunstform, wie die darstellenden Künste zu denjenigen Situationen gezählt werden, in denen duende und die oben beschriebene Wechselwirkung vorkommen können.
Duende wird auch beschrieben als â??der Geist, der Evokationâ??, der bestimmte Vorstellungen oder ein bestimmtes Erleben beim Betrachten eines Kunstwerkes oder einer künstlerischen Darbietung erweckt, und es werden diesem Zustand vier grundlegende Elemente zugeschrie- ben: Irrationalität, Derbheit, gesteigertes Todesbewusstsein und ein kleiner Anteil Teufli- sches. Bezogen auf einen Künstler einer darstellenden Kunstform sei el duendeâ??â??ein dämoni- scher Erdgeist, der dem Künstler hilft, die Grenzen des Verstandes zu erkennen, [...], der den Künstler dem Tod gegenüberstellt, der ihm hilft, seine Kunst so zu erschaffen und zu vermit- teln, dass sie unvergessliche bleibt und dass es einem kalt den Rücken hinunterläuft.â?? Er wird auch angesehen als Alternative zu Stil und reiner Virtuosität, als gottgegebene Gnade und

2.) verzauberndes Entzücken, als Alternative zu den klassischen, künstlerischen Normen, die von der Muse vorgegeben wird. Der Künstler gibt sich gegenüber el duende nicht einfach auf, sondern kämpft mit ihm einen kunstfertigen Kampf aus, â??auf Messers Schneideâ??, â??im Nah- kampfâ??. In höherem MaÃ?e als die Muse ergreift el duende nicht nur den Künstler, sondern auch das Publikum und erzeugt Bedingungen, in denen die Kunst spontan verstanden werden kann mit wenig oder gar keinem Bewusstseinsaufwand. Duende sei, in den Worten García Lorcas, â??eine Art Korkenzieher, der die Kunst in die Empfindsamkeit eines Publikums hi- neintragen kann ... die allerliebste Sache, die das Leben einem Intellektuellen zu bieten hat.â?? Nach dem Kritiker Brook Zern erweitere duende einem das Auge des Verstandes, â??so dass die Intensität fast unerträglich wird ... es gibt dabei eine Art Gefühl des â??ersten Malsâ??, ein Gefühl von so stark gesteigerter und überhöhter Wirklichkeit, dass es unwirklich wird ... .â??

Beispiele für Emotions- und Gefühlskomponenten: Glücksgefühl, Gefühl von Erhabenheit, Gefühl des Ausgewähltseins, Angst, Furcht, Fluchtreflex, starke Zuneigung zu Fremden.

Beispiele für körperliche Komponenten: Gänsehaut, die nicht durch Kälte hervorgerufen wird; Schauer, der einem über den Rücken läuft; plötzliches Lachen oder Weinen; lautes, af- fekthaftes Ausrufen; lautstarkes Ã?uÃ?ern von Zustimmung oder Ablehnung; unkontrollierte Bewegung der Extremitäten, sexuelle Erregung, Ã?belkeit, Schwindel, Schwächegefühl
Aussprüche die auf Federico García Lorca zurückgehen:

1. â??In ganz Andalusien sprechen die Leute ständig von duende und erkennen ihn mit unfehlbarem Instinkt wenn er erscheint. Der wunderbare Flamencosänger El Lebrijano sagte: â??Wenn ich mit duende singe, kann es mir niemand gleichtun.â?? Manuel Torres, ein Mann mit mehr Kultur in seinen Venen als irgendjemand, den ich je kannte, machte, als er einmal zuhörte wie Falla sein â??Nocturno del Generalifeâ?? selber spielte, seinen groÃ?artigen Ausspruch: â??Alles, was dunkle Klänge hat, hat duende.â?? Und es gibt keine bedeutendere Wahrheit.â??
2. â??Duende ist eine Kraft, kein Gebaren, es ist eine Anstrengung, kein Konzept. Ich habe ei- nen alten Meisterguitarristen sagen hören: â??Duende hat man nicht in der Kehle; duende durchwogt einen von den FuÃ?sohlen her.â?? Was bedeutet, dass es keine Frage von Fähig- keiten ist, sondern eine Frage wirklicher Lebensgestaltung, eine Frage von Blut, altherge- brachter Kultur, von schöpferischem Handeln.â??
3. â??Duende ist eine dunkle, kreative Kraft, die dem Menschen innewohnt. Duende fordert den Menschen auf, seine Ohren den â??dunklen Klängenâ?? zu öffnen, seine Verbindung zur Erde und den Geist derer, die vor uns da waren, aufrechtzuerhalten, niemals die Mühen auf- zugeben, die nötig sind, um den Geist der Wahrheit walten zu lassen.â??
4. â??Wenn duende erscheint, bedeutet er immer eine radikale Ã?nderung von Gestalt. Er bringt alten Feldern ein unbekanntes Gefühl der Frische, mit der Qualität von etwas neu erschaf- fenem, wie bei einem Wunder, und er bringt einen fast religiösen Enthusiasmus mit sich.â??
5. â??Alle Künste sind des duende fähig, aber er findet seinen stärksten Widerhall natürlicher- weise in der Musik, im Tanz und der gesprochenen Poesie, denn diese Kunstformen benö- tigen einen lebendigen Körper, um sie zu vorzutragen, da diese Kunstformen alle geboren werden, sterben und ihre Umrisse gegenüber nur einem einzigen Augenblick offenlegen.

Persönliche Anmerkungen:
1. Abgrenzung duende â?? embrujo:
Embrujo im Sinne von Verhexung, Behexung, Verzauberung, Zauber vermittelt das Bild, das jemand oder etwas von AuÃ?en auf denjenigen, der dem embrujo unterliegt, eingewirkt hat und ihn so dahin oder dazu gebracht hat, in einer bestimmten Art und Weise zu agieren. Als Beobachter spürt man, dass derjenige, der dem embrujo


3.) unterliegt, nicht er selbst ist, dass er wie von auÃ?en gesteuert agiert, dass er ein anderer ist, als üblicherweise. Der Körper desjenigen, der dem embrujo unterliegt, ist nur eine Hülle für ein fremdes Inneres. Das alles ist beim duende nicht so, duende kommt von innen, aus einem selbst, man ist immer noch derselbe, wie sonst auch, nur ist man plötzlich in der Lage Dinge zu tun, die man nur in einem bestimmten Zustand tun kann; das Potential dazu ist aber auch ohne duende in dem Menschen vorhanden. Bei embrujo ist es das nicht.

2. Embrujo de su [i]duende:
Wenn el duende so stark und übermächtig über den Menschen geworden ist, dass er die Kontrolle über sich und sein Tun verliert, so dass es den Anschein hat, dass er von einer von auÃ?en einwirkenden Macht gelenkt wird, z.B. wenn ein Mensch, während er duende erfährt, in totale Ekstase gerät und im Wortsinne â??auÃ?er sich istâ??, sein Wille also keinen direkten Einfluss mehr auf sein Tun hat. Das kann sich sowohl positiv oder negativ äuÃ?ern, je nach Ausprägung des Verhaltens des â??Verhextenâ?? bzw.
â??V erzaubertenâ??.

3. Die Wechselwirkung zwischen duende beim Agierenden und den Zuschauern tritt dann ein, wenn die Zuschauer der Ã?berzeugung sind, dass das, was der Akteur, gerade tut, keinem Plan mehr, keiner Vorbereitung und keiner schon einmal gehabten Idee des Akteurs mehr entspringt oder gehorcht, sondern die gerade ablaufende, eben noch unbekannte Situation die Idee zum Tun erschafft und der Akteur, noch während die Idee sich ausbildet, schon beginnt sie in die Tat umzusetzen. Wenn das Umsetzen der Idee in die Tat, so abläuft, dass das Publikum glaubt, es sei richtig so, wie es eingetreten ist, dann beginnt die Wechselwirkung. Wenn das sukzessive Ablaufen dieses Prozesses ausreichend lange erfolgreich währt, kann es zu ekstatisch- enthusiastischen Zuständen beim Publikum kommen.

Bei den Stieren, meine ich, kann es diese Momente der Wechselwirkung nur bei der faena de muleta geben. Dazu nötig sind Langsamkeit und Weichheit in den Bewegungen (templar), sowohl beim Matador als auch beim Stier, und Kontinuität in den Bewegungsabfolgen, jedoch ohne jegliche Form von Abruptheit, Pausen, Schlenkern, â??Nervositätâ?? (ligar sin enmendarse). Auch müssen die tandas der pases ausreichend lang andauern. Nach einem remate wird die Wechselwirkung unterbrochen oder kann versiegen. Bei Aufnahme der nächsten tanda kann die Wechselwirkung wieder beginnen. Ist sie mindestens genauso gut wie die vorige, wird das Gefühl beim Publikum stärker als davor. Wenn es ausreichend viele tandas dieser Art gegeben hat, setzt der ekstatisch-enthusiastische Zustand ein.

4. Auch bei José Tomás existiert duende, auch die Wechselwirkung zwischen ihm und dem Publikum gibt es; in Nîmes wird es wohl so gewesen sein. Wichtig für das Eintreten der Wechselwirkung können Sekundärumstände sein, die das Publikum beim Erkennen von duende unterstützen, z.B. ausgeprägte Gefühlsausdrücke im Gesicht des Agierenden. Dieser Aspekt scheint mir bei José Tomás nur schwach ausgeprägt zu sein.

5. tener duende â?? das gewisse Etwas haben: Das verstehe ich gut als leicht umgangssprachliches Einflechten des Begriffes in eine Unterhaltung, quasi als exotisches Gewürz.

6. tener arte â?? ???: Diesen Ausdruck würde ich nur verstehen im Sinne von â??Tiene mucho arte para bailar.â?? â?? Er kann sehr kunstvoll tanzen. Der eigentlichen Bedeutung von duende wird man damit nicht gerecht.[/i]




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